Christian Bauer praktiziert seit 1987 asiatische Lehren ( Kampfkunst, Qi Gong, Nei Gong, trad chinesischer Medizin, etc ), bewußte Körperarbeit, sowie verschiedene Methoden der alternativen Medizin. Von 2000 – 2011 war Christian Bauer zum Studium und Vertiefung dieser Leheren in China.
2008 graduierte er als M.D. mit Fachrichtung TCM, an der Beijing University of Chinese Medicine. Es war das gleiche Jahr in dem er auch Meisterschüler (Di Zi) von Yao Cheng Rong wurde.
Auf dem Workshop am 2-3.6.2012 in München haben wir Christian ein paar Fragen über die inneren Kampfkünste und deren Wirkung auf Körper und Geist gestellt.
Was begeistert dich an Yiquan?
Yiquan ist ein System in dem man sich sehr frei bewegen und selbstständig entwickeln kann. Es gibt z.B. nur drei verschiedene Kicks im Yiquan, aber man kann jederzeit andere Kicks mit einbauen. Das Training kann auch deutlich athletischer praktiziert werden wir können z.B. mit Kreisschlägen etc. arbeiten, je nachdem was man trainieren will. Das Zusammenspiel von Kraftdynamik, Kraftspiel, Kraftverhältnisse, Kraftqualität muss stimmen und auch der Geist spielt eine entscheidende Rolle, die Bereitschaft des Geistes, jederzeit in die anwendende Kraft oder den Angriff rein zu gehen.
Man kann sich frei entfalten, wenn man die Basis gemeistert hat und es ist trotzdem noch Yiquan. Man muss dafür aber den Mut haben sich von dem ursprünglich vorgegebenen Rahmen der Bewegungen wie Gougua, Fengua etc. zu lösen. Genauso ist es mit dem Fali, man kann mit dem Ellbogen-Fali, Kopf-Fali, also einfach mit den verschiedenen Körperteilen beim Fali arbeiten.
Im Bereich des Yangsheng (Gesundheitsstehen) kann ebenso variiert werden. Es können z.B. auch verschiedene Inhalte aus dem Qi Gong integriert werden wie z.B. die Arbeit mit dem Atem. Wang Xiang Zhai hat zu Beginn viel in diesem Bereich gearbeitet, über die Kulturrevolution hinweg sind einige dieser Dinge auch etwas in den Hintergrund geraten.
Yao Yue’s Großvater hat das Yiquan-System als Sportschütze außerhalb der Kampfkunst integriert. Bei vielen Sportarten ist ein äußeres Krafttraining notwendig. Ist es für diese Sportler schwieriger die Grundstruktur im Körper und die notwendige Entspannung zu entwickeln?
Eine erhöhte Grundspannung erschwert natürlich die Entspannungsarbeit und damit die Entwicklung des Körpergefühls. Wichtiger ist die Entspannung jedoch für die Entwicklung der explodierenden Kraft, des Falis. Je größer der aktive Entspannungszustand ist, desto mehr Kraft kann man erzeugen. D.h. Wiederum, je höher die Grundspannung ist, desto weniger Reserve hat man dann, die Energie zu komprimieren und abzuschießen. Die Entspannung ist daher auch für den Kampfaspekt enorm wichtig.
Kraftsportler haben eher Probleme bei der Entwicklung der Ganzkörperkraft, als bei der Entspannung. Leute die stark Kraftsport ausüben tendieren dazu die Bewegungen nicht aus dem ganzen Körper heraus zu erzeugen, sondern arbeiten oftmals viel aus den Armen oder einzelnen Körperteilen heraus.
Im Yiquan Training lernen wir über unsere Wahrnehmung verschiedenste Phänomene, wie die Sensibilität im Körper, zu entwickeln und zu spüren. Welche Bedeutung hat das Qi in diesem System?
Diese Wahrnehmungen im Körper sind nach meiner Definition eigentlich das Shen, also der Geist. Qi an sich ist im Grunde nur ein Konzept von Energie. Es gibt Qi in der TCM im QiGong in der Martial Art, aber jedes dieser Qi hat eigene Ideen und Bedeutungen das gemeinsame daran ist, das etwas passiert. Diese Energie, Arbeit, die Aktivität ist in einem nicht manifesten Raum, wie z.B. Zellen, der Herzschlag oder unser Immunsystem. Dies sind alles Dinge, die wir nicht fassen können wir Bewegen uns hier in einem mikrokosmischen, zellulären oder atomaren Bereich der Medizin.
Die Muskelbewegung z.B. können wir uns heute über die elektrochemischen Signale erklären, früher war das die Aufgabe von Qi.
Wie ist es, wenn wir uns beim Stehen über die Vorstellung bewegen z.B. wenn ich vom Wasser nach vorne und hinten bewegt werde. Das bedeutet doch, dass ich Qi bewege bzw. das Qi mich bewegt?
Ja- aber das ist nicht das kämpferische Qi. In der Chinesischen Medizin gibt es hunderte verschiedene Qi, das Lungen Qi, das Milz Qi etc., das ist nichts anderes als ein Periodensystem. Das Qi in der Kampfkunst, das kämpferische Qi ist im Grunde nur die Kraftentwicklung, also die Kraft, die letztlich ankommt. Mit dem Gesundheits- oder Entspannungs- Qi hat dies nichts zu tun. D.h. Beim Training von Entspannungs- Qi etc. werden die eigentlichen Kampfkunstfähigkeiten nicht verbessert.
Im Qigong und Taiji wird die Konzentration auf das Dantiem sehr betont, bei vielen Taiji Stilen sollte die Bewegung letztlich aus dem Dantiem erfolgen. Beim Yiquan gibt es diese Konzentration der Energie im Dantiem nicht. Ist es so, das man die Energie im Yiquan nicht sammelt weil man Sie im gesamten Körper benötigt?
Ich denke es ist hier oftmals ein falsches Verständnis bzw. eine falsche Vermittlung von dieser Art von Energiearbeit. Aus den Erfahrungen die ich mit Taiji Praktizierenden in China gemacht habe, ist es so, dass bei den Übenden das Dantiem insbesondere aufgrund des physikalischen Zentrums unseres Körpers eine wichtige Rolle einnimmt. Die Konzentration und das damit verbundene Gefühl wird von den Taiji Praktizierenden zu Beginn im Dantiem entwickelt, diese Arbeit im Dantiem sollte sodann aber in allen Körperbereichen stattfinden. Wenn Bewegungen ausgeführt werden darf dieses Gefühl im Dantiem, dem Zentrum, dem Bauch, dem Becken und der Hüfte nicht vergessen werden.
Mein Beispiel für die Integration von Yiquan in den Alltag ist, dass das unnötige Warten wegfällt. Es gibt kein Warten mehr, nur noch stehen. Wie integrierst du Yiquan in deinen Alltag?
Man kann verschiedenste Dinge integrieren und z.B. Bereiche aus dem Yangsheng anwenden oder auch das Öffnen und Schließen kannst man immer und überall praktizieren, teilweise denkst du dir nur die Vorstellung.
Wichtig ist, dass man sich bewusst ist, was man in dem Moment trainiert. Das Training der Sensitivität und der Wahrnehmung im Yangsheng Bereich vermittelt dir vielleicht ein gutes Gefühl, die Kampffähigkeiten hingegen werden dadurch nicht verbessert.
Inwieweit kann man von den vorgegebenen Regeln und Konventionen des traditionellen Yiquan-Trainings abweichen und frei trainieren bzw. kreativ arbeiten?
Im Sinne das Kampfkunsttrainings, kann man auf jeden Fall von dem „Yiquan Training“ abweichen, wenn man ein gutes Basis- Verständnis der Yiquan-Methodik hat, sprich das Konzept der Kraftqualität (nicht Kraftrichtung) verstanden hat.
Dann kann man sich auch frei entwickeln und seine Kreativität mit einbringen. Somit wird auch der eigene Kampfstil bzw. das eigene Yiquan, der eigenen Persönlichkeit, Stärken und Vorlieben angepasst.
Im Sinne des Yangsheng bzw. der geistigen Arbeit, hat man natürlich einen sehr kreativen Freiraum. Wichtig ist nur sich im klaren zu sein, was man gerade “trainieren” möchte, ob Kampfkunstfähigkeiten oder eher “Mentale” -fähigkeiten. oder seine erweiterte Wahrnehmung vielleicht in einem ganz anderen Bereich einsetzten möchte, z.B. in sportlichen Aktivitäten, Stressbewältigung, etc.
Umgekehrt ist es dann oft so, dass dieses “erweiterte” Training, zwar nicht wirklich die Kampfkunst trainiert, aber oftmals im Gegenzug, die eigenen Kampfkunstfähigkeiten auf die verschiedenste Art und Weise bereichert.
Wir haben im Yiquan-System verschiedene Verbindungen innerhalb und außerhalb unseres Körpers. Mit einem Stock könnte man das eigene Körperschema abseits der Kampfkunsttechniken erweitern und damit Interessante Erfahrungen machen. Wie siehst du das Training mit dem Stock?
Der Stock ist zwar im Training bei vielen Praktizierenden nach hinten gerutscht, jedoch hatte er im traditionellen Training eine große Bedeutung. Im Yiquan ist der Langstock weniger als Waffe zu sehen, dazu eignet sich der traditionelle schwere Langstock auch nicht. Wenn man Früher ein so langes Gerät als Waffe benutzt hat, war es normalerweise der Speer. Als Waffe wird im Yiquan ein viel kürzerer und damit flexiblerer Stock gewählt.
Daher ist der Langstock im Yiquan als ein Trainingsgerät zum schleifen seiner Kraft zu verstehen. Er ist eine Verlängerung der Arme. Es ist eine Form von “Gewicht Arbeit” anstatt immer nur mit “leeren” Händen zu trainieren.
Vielen Dank Christian